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Die Gartenlaube (1876) 699

 
Verschiedene Die Gartenlaube (1876) Die Gartenlaube (1876)BlockSatzStart

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ein ^.e r z.

(Fortsetzung....

,,Im Sommer begleitete ich meine Mutter , wie alljährlich, f
uach Wiesbaden' fuhr Baleutiue in ihrer Erzählung fort, ,, deffeu
mouatelauger Eurgebrauch ihr den folgenden Winter zu über-
stehen helfen sollte. Mit Beginn der Ferien solgte uns mein Ber-
lobter dorthin. Es waren selige Tagee jede Stnnde war mit Glück
erfüllt, dessen Bestätigung für alle Znknnst schon so nahe. Da
erschien dort jene schöne Fran. Was soll ich Ihnen sagen?
Sie lockte e er widerstand zu Ansang und war seiner selbst so
sicher, daß seine Zuversicht auch mir die Gelassenheit erhielt oder
vielmehr sie mir gab. Später kam es anders. Ich sah seine schöne
Rnhe scheitern e ich sah, wie sie ihn Zng um Zng von Nenem
an sich riß. Meine Mutter draug in mich, wir sollteu abreisen,
in der Ueberzengung , daß ihn dies znr Besinnung bringen, daß
er uns solgen würde. Ich widerstand. Ihre Enr plötzlich zn
nnterbrechen, war bedenklich . ein Ersolg solchen Schrickes erschien
höchst zweifelhaft. Anch wollte ich mein Schicksal kenneu. Es
endete damit, daß ich ihn frei gab.'

..Vielleicht .handelten Sie zu rasch,' fagte Bernardin. ..lieber
nns Männer geht znweilen Unwiderstehliches hinweg , wie eine
hohe Woge, aber jede Brandung sinkt , und hält uns eine liebe
Hand in Trenen sest, so sinden wir uns zum rettenden User znrück.'

..Wäre ich schon sein Weib gewesen. dann hätten Sie Recht.
tansendmal Recht. Aber eine Hand sesthalten. die in der nnferigen
zuckt und sie als Feffel empfindet. erscheint mir unmöglich . wo
Freiheit noch in Frage stehen kauu. Ich fühle noch hente . daß
ich gehandelt. wie ich mnßte.'

,,Und er?' fragte Bernardin nach knrzer Banfe.

..Er verließ Wiesbaden noch vor uns . ich hörte nichts mehr
von ihm und über ihu. Meines Baters Verfetzung nach München
traf mit nnferer Heimkehr znfammen Noch im Lanfe deffelben
Jahres verlor ich meine Mntter. Es ist gnt so. wie es ist.
Meine Schwester hat sich sehr jung verheiratete ich bin dem
Vater notwendig. wenn er es auch nicht Wort haben will.

Mein Leben verzehrt sich nicht ohne Nntzen und Inhalt e mehr
hat der Mensch nicht zu sordern' '.'

..Sie hätten also mit jedem eigenen Anspruch an das Ge-
schick abgeschlossen. Valentine?' sragte Bernardin. ..Ohne Zw eiset
tänschen Sie sich. Man denkt znweilen mit Allem fertig zn
sein und hat doch erst ein sarbensattes. aber nicht nnverlöschliches
Vorspiel seines wirklichen Schicksals erfahren. Sie nennen fich
alt, weil Sie müde find. Ich fehe Sie noch jung . voll Fähig-
keit glücklich zu machen. und das heißt nichts Anderes . als das
Anrecht. glücklich zu sein,'

..Ich habe sagen hören. man könnte mehr als einmal lieben.'
entgegnete Balentine nachdenklich. ..Es ntnß wohl wahr fem.
denn ich habe das auch öfters mit angesehen. Was mich selbst
betrisft. so könnte ich es nicht. Ieder solgt feinem Wefen. Mir
ist es wnerstes Bedürfniß, wenigstens mir felbft treu zu bleibeu.
da ich mir keine Trene gewinnen konnte.'

Bernardin ergriff schweigend ihre Hand und behielt sie
einen Augenblick in der seinen.

..Gnte Nacht. mein Frennd !' sagte Balentwe. als sich Beide
im Borwärtsschreiten wieder den Häuseru genähert hacken. ,,Was
ich Ihnen erzählt habe. sei vergessen ! Und - halten Sie mich
nicht für unglückltch. denn ich bin es nicht.'

..Das glanbe ich in der That. Balentine. Schwache
Charaktere überwinden schwer und vergessen leicht. .Kraftvolle
Natnren vergeffen Nichts . aber sie überwinden. Ich fehe Sie
morgen noch vor Ihrer Abfahrt. Lassen Sie mich Ihnen aber
jetzt Lebewohl sagen ! Gott sei mit Ihnen! Bergessen Sie nicht
die Stnnden. welche wir gemeinschastlich verlebt haben ! '

..Sie gehören nicht zu denen. die man vergißt. Ans Wieder-
sehen ! Nicht nur morgen - hössentlich auch an gleicher Stelle
über's Jahr!'

Bier Jahre sind vergangen. Um den Menschen wieder zn
begegnen. welche wir aus der kleinen Insel des ..baierischen
Meeres' verließen . müssen wir stille Thäler aussucheu . die zur
Zeit des Begiuns nnserer Erzählung weit einsamer und uu-
bekannter wareu . als jenes Eiland. Doch hatte die ost ge..
schmähte Berderberin landschastlicher Reize. die öster noch ge-
priesene Schöpferin öffentlichen Verkehrs . die Loeonwkive , jener
Thalstrecke während dieser letzten Jahre lebendige Spnren anf-
gedrückt. Seit eine noch kanm beendete. dem Betriebe erst theil-
weise übergebene Bahnlinie diefelbe fast ihrer ganzen Längen-
attsdehnung nach durchzog. machte fich der namentlich für Dörfer
und Marktflecken auch durch gleichzeitigen Bau nener Bostftraßen
erschlossene Znfammenhang mit der Anßenwelt dnrch vermehrten
Wohlstand bemerklich.

Es war zu Ansang Inli 1k^0. Heiße Son.nenglnth lag
über dem Thale. Obgleich der Abend schon hereinbrach. brachte

er doch keine Kühlung , tnan empfand . daß die Sonne ihre
glühende Herrschaft feit manchem Tage nnttnterbrochen geübt
nttd jeden frischeren Atemzug in fich gefogen hatte. Dennoch
prattgte die anmutigste Landschaft ittt üppigsten Grün. berBlockSatzEndreferencesZitierempfehlung Projekt= Verschiedene: 'Die Gartenlaube (1876)'. Leipzig: Ernst Keil, 1876 Seite=800
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Quelle:
Seitentitel:Die Gartenlaube (1876) 699
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Autor(en): Wikipedia-Autoren
Bearbeitungsstand: 2011-01-29T17:17:40Z
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Datum des Abrufs: 26. Januar 2011, 12:00 UTC
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